Dietmar Mieth

Dietmar Mieth
Jede Wende – ein Anfang
Eine theologisch-ethische Analyse gegenwärtiger Transformationen

ISBN 978-3-907386-03-3
Luzern 2024
428 Seiten
CHF 33.– / € 33.–

«Transformation» – so lautet ein Leitwort der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts. Es bedarf einer nachdenklichen Begleitung. Das versucht hier eine theologische Ethik, die ohne unzugänglichen Überbau auskommt und sich an der Menschenwürde orientiert. 

Die demokratische und menschenrechtliche Option 
«westlicher» Gesellschaften wird von außen und von innen durch Nationalismus und Imperialismus gefährdet. Die indivi­duelle Selbstbestimmung, auf die sich viele berufen, wird aus­gehebelt, weil sie zugleich durch soziale Medien oder durch die Selbstidentifikation mit einer Gruppe kontrolliert wird. Die sozialen und ökologischen Herausforderungen wachsen, aber dazu erforderliche Umorientierungen und Selbsteinschrän­kungen werden abgewiesen.

Kirchenreform ist eine unausweichliche rechtliche und moralische Forderung. Die theologischen Bedingungen für eine solche Reform sind längst begründet – nun sollte es auch hier eine Wende und einen neuen Anfang geben.

Welche Wende verlangt die Orientierung an der Erhaltung und Erneuerung der «Welt» als unsere Erde? Wird die technische Transformation unserer Wirtschaft, Verwaltung, Erziehung, die durch «Künstliche Intelligenz» einen neuen Schub erhält, sich mit notwendigen Bildungsformaten vereinbaren lassen? Leben, Lieben und Leiden – diese Begegnungen verlangen immer wieder neue Antworten unter wachsenden Erschwernissen und Betreuungsmängeln, die unsere beschleunigten Transforma­tionen begleiten.

Dietmar Mieth, emeritierter Professor für Moraltheologie an der Universität Freiburg/Schweiz und für Theologische Ethik/Sozialethik an der Universität Tübingen. 

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Rezension:

Dietmar Mieth: Jede Wende – ein Anfang

Erstellt von Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Wie der biblische Katechet des Evangeliums, hinter dem sich vielleicht „Matthäus“ selber versteckt, holt der Nestor katholischer Moraltheologie und Sozialethik aus der Schatzkammer seines langen Forschens und Lehrens Altes und Neues hervor (vgl Mt 13,52). In dieser eindrucksvollen Lebensernte werden schon bekannte Texte zusammen mit zahlreichen neuen präsentiert, teils nur entlegen, teils noch gar nicht veröffentlicht, teils länger und grundlegend, teils skizzenhaft und auf konkrete Anlässe bezogen. Das ist deshalb bedeutsam, weil Mieth zweifellos einer der kreativsten deutschen Ethiker der letzten 50 Jahre ist – zeitlebens vorbildlich im Bemühen, christliche Glaubensperspektiven mit aktuellen Lebens- und Überlebensfragen in einen argumentativen Korrelationszusammenhang zu bringen. Weder modernistische und denkfaule Anpassung noch traditionalistische und ebenso denkfaule Selbstverschließung gegenüber dem Zeitgeist, stattdessen sachbezogene Vermittlung in der Grundhaltung von Dialog und vor allem Diskurs, also mit Respekt vor anderen Positionen und ihren Begründungen. Bei dieser äußerst anregenden Kärrnerarbeit zwischen all den Stühlen fertiger Wahrheitsbesitzerinnen kommt dem ehemaligen Professor aus Tübingen (und zuvor Fribourg) nicht nur sein großes Interesse auch an anderen Wissenschaften zugute, sondern seine intensive und langjährige Erforschung von Meister Eckharts Werk und Wirkung sowie seine ständige Wahrnehmung literarischer Texte aus Vergangenheit und Gegenwart (von Tristan und Isolde bis Thomas Mann und der jüngeren Gegenwart). Es geht um Ethos und Ethik, um Moral und Praxis.

Entsprechend breit ist die Palette der Einzelthemen unter dem Dach des treffenden Gesamttitels. Von heutiger Politik und Gesellschaft (Demokratie, Fake News, Gewalt und Frieden, Technik, Ökologie es) geht es bis zu Perspektiven gelingender Lebensführung und authentischer Spiritualität. Auch Fragen zur (katholischen) Kirchenreform ist ein eigener Teil gewidmet, die leidige Missbrauchsdebatte eingeschlossen. Beeindruckend ist immer, wie aktuelle Probleme ins Grundsätzliche hinein analysiert und lösungsorientiert bedacht werden, ohne Besserwisserei oder Indoktrination, vielmehr fragend und doch deutlich optional die Opfer und Armen im Blick. Bewegend ist z.B. die sensible Würdigung von Alexei Nawalny. Spürbar in allen Texten ist die selbstverständlich christliche Gesamtorientierung autonomer Moral, mit ebenso entschiedener wie deshalb kritischer Kirchlichkeit (die aus mehr autobiografischen Veröffentlichungen und Initiativen des engagierten Laientheologen auch sonst bekannt ist).

Vorbildlich sind nicht nur der dialogisch-solidarische Duktus der Argumentationen, nicht nur die (selbst- und kirchen-) kritische Zeitgenossenschaft, der sichtlich optionale Charakter der Themen. Es ist vor allem der mystisch-politische Charakter dieser Art ethischer Diskussion im Dienst notwendiger Transformationen. Bezeichnend z.B. ist die hervorragende Erschließung des „politischen“ Meister Eckhart unter dem Titel „Demokratie von innen“ – in Zeiten autoritärer Charaktere und Herrschaftsformen doppelt aktuell und auch kirchenreformerisch von Brisanz. Indem nämlich der Dominikaner Meister Eckhart die Ursprungseinheit aller Menschen in Gottes fortwährender Schöpfung und Inkarnation erschließt, relativiert er alle geschichtlichen, sprachlichen und auch kirchlichen Vermittlungen. „Der Sprengsatz, den Eckharts eigene Lebenslehre in sich trug, ist meiner Meinung nach darin zu sehen, dass er die Möglichkeit einer vernünftigen Selbstvergewisserung jedes einzelnen Menschen, gestärkt von den Glaubensmotiven, so hoch ansetzte, dass er dabei den Glauben in eine vollständige philosophische Übersetzung zwang“ (95f) und für kreative Praxis erschloss. Die Wahrheit, die der Glaube zu denken gibt, ist demnach höchst vernünftig. Und wer sich wirklich zur Vernunft kommen und bringen lässt, also dem Woher von allem nachdenkt, berührt schon das, was gut ist und von Gott kommt: je „innerlicher“, desto mehr auch „äußerlich“. Diese unterschiedene Einheit von Glaube und Vernunft ist durch und durch „praktisch“ zu verstehen und auf konkrete Machtverhältnisse kritisch bezogen, damals schon und heute erst recht. (Dazu sei als Einführung und Vertiefung Mieths glänzendes Buch „Meister Eckhart“ (München 2014) und seine Textauswahl „Meister Eckhart. Einheit mit Gott. Die bedeutendsten Schriften zur Mystik“ (Ostfildern 2014) sehr empfohlen.)

Kurzum: Wo immer man diesen Sammelband aufschlägt, man findet Anregung und Orientierung. Und vor allem: Man gerät in eine theologische Werkstatt, wie sie an der Zeit ist.