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90. Geburtstag von Mercy Amba Oduyoye

Mercy Amba Oduyoye ist eine Pionierin für Theologinnen in Afrika

Sie gab den Frauen Afrikas eine Stimme

Die Theologin Mercy Amba Oduyoye hat sich für die Gleichberechtigung der Frauen in den afrikanischen Gesellschaften eingesetzt. Mit ihrer Arbeit hat sie Generationen von Theologinnen geprägt.

Daniel Stehula

Die feministische Befreiungstheologin Mercy Amba Oduyoye ist 90 Jahre alt geworden. Sie ist eine Pionierin für Theologinnen in Afrika. 

«Frauen müssen verlernen, dass sie als zweitklassige Personen sozialisiert wurden», sagte Mercy Amba Oduyoye in einem Interview 2016. Die Theologin aus Ghana ergänzte: «Von dem Zeitpunkt an, als meine Füsse diese Erde berührten, war ich so viel wert wie jeder andere auch.» Das hat sie selbst vorgelebt – und allen afrikanischen Frauen ans Herz gelegt. Nicht umsonst bezeichnet sie die feministische und die Befreiungstheologie als ihre Stimme.
Mercy Amba Ewudziwa Oduyoye kommt zur Erntezeit auf der Kakao-Farm ihres Grossvaters zur Welt. «Auch an dem Ort, wo ich heute lebe, wächst ein Kakaobaum», erzählte sie im Interview von 2016, das im «Journal of Feminist Studies in Religion» erschien. Wenn der Baum seine Blätter verliere im Herbst, dann sei sie glücklich.

Oduyoyes Vater ist ein Methodisten-Pfarrer, ihre Mutter führt den Haushalt. Nach Mercy kommen noch acht weitere Kinder zur Welt. «Meine Eltern behandelten uns alle gleich, egal ob Junge oder Mädchen», erinnert sie sich. Sieben von ihnen besuchten die Universität. Damals wusste Mercy Amba Oduyoye nicht, wie besonders ihre Familie war.

Getrennte Welten für Mann und Frau
Christine Lienemann-Perrin ist Theologieprofessorin und hat über die politische Verantwortung der Kirchen in Südkorea und Südafrika habilitiert. Auf Anfrage von ref.ch erklärt sie, vor allem im ländlichen Afrika würden Männer und Frauen in zwei verschiedenen Welten leben. Jungen würden in die Welt der Männer hineinwachsen, während sich Mädchen auf die Pflichten als künftige Ehefrau und Mutter vorbereiteten.

Für den Bereich der männlich geprägten Theologie gelte, dass der afrikanische Mensch auf den afrikanischen Mann reduziert werde, denn: «Das Leid afrikanischer Frauen, das in erster Linie religiöse und kulturelle Wurzeln hat, ist für die Männer nicht spürbar und wird deshalb ausgeblendet.»

«Ich fand, dass Männer die ganze Zeit für die Frauen sprachen. Und ich dachte mir, es sei höchste Zeit, dass sie die Stimmen der Frauen hörten.»
Mercy Amba Oduyoye, Theologin

Mercy Amba Oduyoye geniesst eine gute Ausbildung. Sie beginnt ihr Theologiestudium in Ghana und studiert im englischen Cambridge. Später wird sie in Harvard lehren und in Princeton. Sie wird in Genf als Generalsekretärin des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) arbeiten. Doch als sie sich 1959 in Ghana an der Universität einschreibt, erfährt sie Ablehnung. «Zu der Zeit gab es in ganz Afrika noch keine Frau, die einen Abschluss in Theologie hatte», erinnert sich Oduyoye in einem Interview. Viele hätten gefragt, was sie in diesem Studiengang verloren habe.

Gesicht der weiblichen Theologie in Afrika
Doch sie setzt sich durch, schliesst das Studium ab – sei bald gefragt gewesen, erzählt sie: «Wer etwas wissen wollte über weibliche Theologie in Afrika, kam zu mir.» Das wird ihr entgegengekommen sein, denn einmal sagte sie: «Ich fand, dass Männer die ganze Zeit für die Frauen sprachen. Und ich dachte mir, es sei höchste Zeit, dass sie die Stimmen der Frauen hörten.» In ihrer wissenschaftlichen Arbeit befasste sie sich mit der Situation der Frauen in Afrika. Sie publizierte zur Sakralisierung von weiblicher Sexualität und Mutterschaft und forderte deren Abschaffung. Sie schrieb über Gewalt gegen Frauen.

«Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Frauen heute in der Weiterentwicklung der afrikanischen Theologie führend sind.»
Christine Lienemann-Perrin, Theologin

Doch sie habe gewusst: «Ein Baum macht noch keinen Wald.» Also suchte sie nach anderen Frauen in Afrika, die mittlerweile ein Theologiestudium abgeschlossen hatten. Zusammen gründeten sie den «Circle of Concerned African Women Theologians». Die panafrikanische, ökumenische Organisation besteht noch heute und unterstützt die wissenschaftliche Arbeit afrikanischer Theologinnen.

Junge Theologinnen fördern
Mercy Amba Oduyoye habe die Auseinandersetzung gesucht mit einer theologiegeschichtlichen Epoche, die für rund dreissig Jahre im Horizont männlicher Erfahrungen entfaltet worden sei, ordnet Christine Lienemann-Perrin ein. Aus dem von Oduyoye mitbegründeten Kreis der afrikanischen Theologinnen seien über die Jahre viele Forschungsprojekte und Veröffentlichungen hervorgegangen. «Inzwischen sind sie zu einer umfangreichen Bibliothek angewachsen», sagt die Theologieprofessorin.

Das Mädchen, das vor neunzig Jahren zur Zeit der Kakao-Ernte geboren wurde, setzte sich als Frau in einem von Männern dominierten Beruf durch und legte den Grundstein für etwas Grosses. Lienemann-Perrin sagt: «Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Frauen heute in der Weiterentwicklung der afrikanischen Theologie führend sind.»

Aus: ref.ch – News der Reformierten

 
Angaben zu den Büchern der EDITION EXODUS:
 
Mercy Amba Oduyoye. Wir selber haben ihn gehört. Theologische Reflexionen zum Christentum in Afrika.
Edition Exodus, Luzern 1988 (vergriffen).
 
Elizabeth Amoah, Mercy Amba Oduyoye u.a. Leidenschaft und Solidarität. Theologinnen der Dritten Welt ergreifen das Wort.
Edition Exodus, Luzern 1992 (erhältlich direkt beim Verlag editionexodus@bluewin.ch zum Preis von CHF/€ 15.00).